{"id":212,"date":"2025-09-02T19:38:51","date_gmt":"2025-09-02T19:38:51","guid":{"rendered":"https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/?p=212"},"modified":"2025-09-02T20:42:46","modified_gmt":"2025-09-02T20:42:46","slug":"ordnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/index.php\/2025\/09\/02\/ordnen\/","title":{"rendered":"Ordnen"},"content":{"rendered":"\n<p>Simon Huber in einer Doppelenqu\u00eate (17) zum Ordnen \u2013 in unserem konkreten Fall der Zine-Sammlung. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn spielen wir ein einfaches Spiel: Karten mit den Zahlen von 1 bis 9 liegen in der Tischmitte. Abwechselnd wird eine genommen. Wer zuerst exakt eine Addition von 15 Punkte erzielt, gewinnt. Keiner der Anwesendes kannte dieses Spiel und so konnten wir eine kleine Serie von Partien spielen, die sogar als erfrischend wahrgenommen wurden. Dabei handelt es sich im Prinzip um das gleiche Spiel wie Tic-Tac-Toe ist, das nur durch Karten vermittelt wird. Die Z\u00fcge schreiben sich in ein unsichtbares Raster ein, ein <em>magisches Quadrat<\/em>. In der Legende vom chinesischen Kaiser soll ein solches Quadrat als g\u00f6ttliches Geschenk ihm auf dem Panzer einer Schildkr\u00f6te erschienen sein \u2013 eine Ordnung, die auf einmal sichtbar wurde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"797\" src=\"https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-5-1024x797.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-220\" srcset=\"https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-5-1024x797.png 1024w, https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-5-300x233.png 300w, https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-5-768x598.png 768w, https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-5-1536x1195.png 1536w, https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-5.png 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Magisches Quadrat (c) Wikicommons.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das erzeugte auch die Evidenz f\u00fcr die in der Enquete zum Sammeln aufgestellte These, dass Sammeln in rekursiver Anlage \u2013 &#8216;das Sammeln des sammelns&#8217; &#8212; Ordnen ist. Das visuelle Einschreiben der Zugfolge in ein arithmetisches 3\u00d73-Feld, entspricht graphischen Mustern. Auf diese Pausenunterhaltung eingespielt erzeugt ein solches Spiel lauter Unentschieden. Im Film <em>Wargames<\/em> wird so der au\u00dfer Kontrolle geratene Computer ausgetrickst, der nicht mehr komplizierte Nuklearkriegsszenarios durchdenkt, sondern damit aufgehalten wird gegen sich selbst endlos Tic-Tac-Toe zu spielen: Dieses reizlose Spiel zu spielen, h\u00e4lt die k\u00fcnstliche Intelligenz davon ab \u00fcberhaupt strategisch zu denken. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"306\" height=\"314\" src=\"https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-4.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-219\" srcset=\"https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-4.png 306w, https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-4-292x300.png 292w\" sizes=\"auto, (max-width: 306px) 100vw, 306px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Johan Huizingas emphatischer Formulierung: \u201eDas Spiel schafft Ordnung, ja es ist Ordnung.\u201c  ist ja l\u00e4ngst nicht mehr widerspruchslos akzeptiert: Man k\u00f6nnte auch Ian Bogost folgen, der nach Jahrzehnten Game research resignierend konkludiert: &#8220;Videogames are a mess.&#8221; (Man darf vermuten, dass diese Frustration daraus resultiert, dass bestimmte Spielen nicht mit \u00fcbersimplifzierenden Deutungsmustern beizukommen ist.)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Eintragen in das Raster begegnen sich jedenfalls zwei Ebenen: das Regelwerk, das eine Abfolge von Z\u00fcgen erzwingt, und die Agonalit\u00e4t, das Gegeneinander zweier Spielenden. Selbst wenn nicht bewusst sortiert wird, erzeugt das Spiel eine zeitliche Ordnung: Zug f\u00fcr Zug, Bewegung f\u00fcr Bewegung. Darum ist Huizingas Diktum mehr als Rhetorik \u2013 es verweist auf das paradoxe Verh\u00e4ltnis von Spiel und Struktur. Sp\u00e4ter wird Caillois diese ordnungsgebende Struktur als Charakteristikum des <em>Ludus<\/em> im Gegensatz zum anarchischen Paidia differenzieren, das nicht notwendigerweise nach Ordnung strebt. <\/p>\n\n\n\n<p>Solche erspielte Ordnung ersch\u00f6pft sich. Sobald sich die im Spiel codierte Schwierigkeit restlos durchschauen l\u00e4sst, verlieren sie ihren Reiz: Nichts bleibt \u00fcbrig, das geordnet werden m\u00fcsste. Deswegen ist Tic-Tac-Toe nach ein paar Runden witzlos. Erst Varianten wie <em>Second-Order Tic-Tac-Toe<\/em> stellen die alte Spannung wieder her, indem sie das Raster vervielf\u00e4ltigen und neue Ebenen der \u00dcbersetzung zwischen Arithmetik und Strategie er\u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"504\" height=\"422\" src=\"https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-217\" srcset=\"https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-2.png 504w, https:\/\/ludology.uni-ak.ac.at\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/image-2-300x251.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 504px) 100vw, 504px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Probleme des Ordnens<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Nicht-agonale Spiele<\/strong>: Sudokus, Kreuzwortr\u00e4tsel, Patiencen. Hier wird Ordnung nicht durch abwechselnde Z\u00fcge, sondern visuell und konzeptuell gestiftet. Der Reiz besteht vielleicht darin, zuf\u00e4llige Muster zu durchkreuzen, Alltagsordnungen auszusetzen und in einer alternativen, selbst auferlegten Ordnung aufzugehen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Irreduzible Spieloperationen<\/strong>: Ordnen ist nicht immer die Hauptoperation. Manchmal entsteht Ordnung durch andere Praktiken: Sammeln (mit der Grenze des Beh\u00e4lters), Stapeln (mit der Grenze der Schwerkraft), Eintragen (im Stellenwertsystem), Einigen und Ausscheiden (der Magic Circle als alternative Ordnung). Diese Operationen erzeugen Ordnungen, sind aber nicht vollst\u00e4ndig auf \u201eOrdnen\u201c reduzierbar.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>So ergibt sich eine erste Ordnung aller bisher besprochenen Kulturtechniken: Manche stiften Ordnung direkt, andere durch Komplettierung \u2013 durch Platzieren, Verbergen, Werfen, Einsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ordnende Kulturtechniken:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>H\u00e4ndesch\u00fctteln (synchronisieren)<\/li>\n\n\n\n<li>Sammeln\u00a0<\/li>\n\n\n\n<li>Stapeln\u00a0<\/li>\n\n\n\n<li>Eintragen<\/li>\n\n\n\n<li>Ausscheiden (Zugfolgen)<\/li>\n\n\n\n<li>Kacheln (Sonderfall, weil u.U. eine&#8230;)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Ordnung applizierende Spieloperationen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>(Karten) legen<\/li>\n\n\n\n<li>zusammensetzen<\/li>\n\n\n\n<li>maskieren<\/li>\n\n\n\n<li>platzieren<\/li>\n\n\n\n<li>punkten<\/li>\n\n\n\n<li>losen<\/li>\n\n\n\n<li>verbergen<\/li>\n\n\n\n<li>schie\u00dfen<\/li>\n\n\n\n<li>werfen<\/li>\n\n\n\n<li>einsetzen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Muster und Kulturtechnik<\/h3>\n\n\n\n<p>Auch im maschinellen Lernen wird unterschieden: zwischen Systemen, die selbst\u00e4ndig Muster suchen, und solchen, die nur bekannte Muster reproduzieren. \u00dcbertragen auf Spiele: Manche f\u00fchren eine gegebene Ordnung ein (Schach mit seiner Startaufstellung), andere entfalten Ordnungen im Vollzug (Schach als Repertoire von Strategien). Kulturtechnikforschung denkt dabei in Verben: ordnen, sammeln, stapeln, losen. Diese Logik versuchen wir hier produktiv zu machen: indem man jedes Mal ein Verb herausgreift, das noch vor dem durch die Regeln etablierten Zusammenhang (&#8216;Spielmechanik&#8217;) Denkm\u00f6glichkeiten erlaubt, die noch nicht in das Konzept passen m\u00fcssen. Man macht einen Schritt hinter das, was als Spielelement vertraut erscheint (oder eben als interessante Innovation).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hinter die Reifizierung<\/h3>\n\n\n\n<p>Das bedeutet auch: Kulturtechniken sind \u00e4lter als die Dinge, die sie hervorbringen. Zeitrechnung ist \u00e4lter als \u201edie Zeit\u201c, Ackerfurchen sind \u00e4lter als \u201edie Landschaft\u201c. Spielen ist \u00e4lter als die Spiele.<br>Selbstreflexiv auf unser \u201eSchere, Stein, Papier\u201c-Konzept angewandt, k\u00f6nnen wir auch hinter die etablierten Repr\u00e4sentationen treten: So haben wir es pl\u00f6tzlich mit schneiden, schleifen, wickeln zu tun. Sie lassen sich \u00fcbersetzen <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>als (materielles) <strong>Experimentieren<\/strong> zum Sch\u00e4rfen der Begrifflichkeit <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Symbolisieren<\/strong> zur Beschleunigung kommunikativer Prozesse <\/li>\n\n\n\n<li><strong>Mustern<\/strong>, das gewonnene Zeichen in theoretischen Zusammenhang stellt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Kulturtechniken, die nicht im selbstgesetzten Rahmen nach Ordnung streben, sondern sie allererst denkbar machen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simon Huber in einer Doppelenqu\u00eate (17) zum Ordnen \u2013 in unserem konkreten Fall der Zine-Sammlung. 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